Forschung / Synergetik

Die moderne Komplexitätsforschung stützt sich auf Theorien, die Komplexität aus dem Zusammenspiel von Variablen eines ansonsten geordneten Systems erklären kann. Verschiedene theoretische Ansätze haben sich damit beschäftigt (Chaosforschung, Theorie dissipativer Strukturen, Fraktale Geometrie, Synergetik) aber kein Ansatz ist so innovativ und praktisch nutzbar wie die von Hermann Haken begründete Synergetik.

   

Synergetik, die Theorie zur Erklärung von Stabilität und Wandel

Die Synergetik ist eine mathematisch formalisierte Theorie zur Erklärung von Selbstorganisationsprozessen in der belebten und unbelebten Natur. Der Physiker Hermann Haken hatte sie Ende der 1960er Jahre entwickelt und schon früh auf verschiedene Themenstellungen angewendet.

Allgemein gesprochen beschäftigt sich die Synergetik mit der selbsttätigen Ordnungsbildung bzw. der Veränderung von Ordnungsmustern. Das Paradigma bezieht sich auf Systeme, die prinzipiell zu einer Vielzahl an Verhaltensweisen fähig sind, aber sich unter bestimmten Bedingungen eigenständig auf ein Verhaltensmuster „einigen“. Solche Systeme erinnern an ein Orchester bevor der Dirigent das Pult betritt. Alles geht wild durcheinander. Melodien werden kurz angestimmt, verschwinden wieder und jedes Mitglied des Orchesters macht, was es will.

In vielen Systemen finden unter bestimmten äußeren Rahmenbedingungen Selbstorganisationsprozesse statt, die das wilde Durcheinander spontan und ohne äußere Vorgabe kanalisieren und schließlich in ein kohärentes Muster überführen. Vereinfacht gesprochen findet dabei innerhalb des Systems ein beständiger Kreislauf aus der Produktion immer neuer Verhaltensmöglichkeiten und einer Bewertung dieser Verhaltensmöglichkeiten durch das System statt. Es kommt zu einer Art Abstimmungsprozess, aus dem ein Verhaltensmuster als Gewinner hervorgeht. Dieses vorher nicht von außen vorgegebene Verhalten wird in der Synergetik als Ordner oder Attraktor bezeichnet, da Abweichungen von dem dominanten Muster in der Folge unterdrückt werden. Das System selbst bringt die Muster hervor und bewertet diese auch selbst.

Für soziale Systeme sind Beispiele schnell bei der Hand: Ein Brainstorming, demokratische Abstimmungsprozesse, aber auch Revolutionen lassen sich mit ähnlichen Begriffen beschreiben. Erstaunlich ist der Umstand, dass die Synergetik solche Prozesse mathematisch abzubilden vermag und zeigt, dass Selbstorganisation nicht ein Alleinstellungsmerkmal sozialer oder biologischer Systeme ist, sondern in ähnlicher Weise auch in naturwissenschaftlichen Systemen auftritt, genauer, in nichtlinearen dynamischen Systemen fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht.

   

Verhaltensänderungen kündigen sich durch kritische Fluktuationen an

Die Synergetik zeigt, dass ein Selbstorganisationspross bzw. ein Ordnungswechsel in der Regel durch eine kurze aber mitunter heftige Phase der Produktion von Verhaltensmöglichkeiten eingeleitet wird. Dieses kurzzeitig auftretende erratische Verhalten wird als kritische Fluktuation bezeichnet. Kommt es in Systemen zu Verhaltensänderungen sind solche kritischen Fluktuationen in der Regel vorher zu beobachten.

complexity-research hat in den letzten Jahren an zahlreichen Forschungsprogrammen mitgearbeitet, bei denen es um die Identifikation solcher kritischer Fluktuationen in Systemen geht.

    

Frühwarnsysteme

Mit der Identifikation von kritischen Fluktuationen kann man Frühwarnsysteme für dramatische Veränderungsprozesse realisieren, etwa bei der Vorhersage von Selbstmord, krisenhaften Wirtschaftsentwicklungen, dramatische politische Veränderungen.

    

Begleitung von gewünschten Veränderungsprozessen

Im Coaching, der Begleitung von Change und Lernprozessen oder in der Psychotherapie werden umfassende Veränderungsprozesse angestrebt und die Identifikation kritischer Fluktuationen oder deren Ausbleiben kann helfen diese Prozesse zielgerichtet zu begleiten. Günter Schiepek hat dieses Vorgehen als Synergetisches Navigationssystem (SNS) bezeichnet und dafür eine Software entwickeln lassen. Viele methodische Bausteine dieser Software stammen von complexity-research.

    

Regelmäßige Online-Fragebögen zur Identifikation von Musterveränderungen

Das Synergetische Navigationssystem (SNS) kombiniert herkömmliche Online-Befragungen mit einer komplexitätswissenschaftlichen Zeitreihenanalyse. Regelmäßig ausgefüllte Fragebögen zeichnen die Entwicklung eines Systems nach. Im Coaching etwa werden maßgeschneiderte Fragebögen zu den Entwicklungszielen von Führungskräften eingesetzt. Die Führungskräfte bewerten ihre Fortschritte online in regelmäßigen Intervallen, am besten täglich.

Methoden der nichtlinearen Zeitreihenanalyse werten diese Daten ebenso regelmäßig aus und zeigen den Anstieg kritischer Fluktuationen an. In Beratungsgesprächen kann über die sich anbahnenden Veränderungen gesprochen werden und können Beratungsziele erneuert und angepasst werden.

Forschungsarbeiten der letzten Jahre zeigen, dass Veränderungen in Systemen nicht per Augenschein oder klassischen statistischen Methoden identifiziert werden können. Ohne Berücksichtigung der Methoden der nichtlinearen Zeitreihenanalyse ist eine Veränderungsanalyse kaum möglich und häufig erst lange Zeit nach der Veränderung möglich.

 

Abbildung: Veränderung der Potenziallandschaft bei einem Phasenübergang

 Die Abbildung stellt in drei Schritten dar, wie sich die so genannte Potenziallandschaft bei einem Phasenübergang verändert. Die Metapher der Potenziallandschaft kennzeichnet attraktive Systemzustände als tiefe Täler und unattraktive als hohe Berge oder steile Wände. Im Attraktor (a) sind die steilen Wände und das Tal klar ausgeprägt, die Kugel, die das Systemverhalten repräsentiert, rollt nach einer Auslenkung schnell zurück in den Attraktor. Das Einzugsgebiet des Attraktors wird in der Nähe zum Bifurkationspunkt zunächst flacher (b) und geht im Bifurkationspunkt in einen Potenzialhügel (so genannter Repellor) über (c).
(Mehr dazu: Strunk, G. & Schiepek G. (2014) Therapeutisches Chaos)

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