Forschung / Komplexität menschlichen Verhaltens

Ohne Beachtung der Theorien komplexer dynamischer Systeme bleibt psychologisches Wissen fragmentarisch und unverbunden.

Nils Birbaumer
National Institute of Health (NIH), USA

 

complexity-research beteiligt sich und initiiert zahlreiche Forschungsarbeiten zur Komplexität menschlichen Verhaltens. Die folgende Aufzählung nennt einige dieser Forschungsschwerpunkte:

 

Systemische Psychologie

Die akademische Psychologie hat seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts ein naturwissenschaftlich geprägtes Menschenbild vertreten. Die moderne Komplexitätsforschung erweitert diese Perspektive um den Aspekt der Komplexität. Komplexität ist demnach kein Widerspruch zu einer naturwissenschaftlichen Interpretation menschlichen Verhaltens. Komplexität tritt selbst in einfachen mechanischen Systemen auf, wenn diese aus mehr als zwei gekoppelten Variablen bestehen. Dennoch hat die Psychologie nur sehr zögerlich diese neuen Erkenntnisse in ihrer Forschung berücksichtigt - und das, obwohl sie schon immer betont es mit hochkomplexen Prozessen zu tun zu haben.

Guido Strunk hat mit seiner Dissertation in Psychologie und dem danach entstandenen Lehrbuch der Systemischen Psychologie eine umfassende Übersicht über die Anwendungsmöglichkeiten der Komplexitätsforschung in der Psychologie gegeben. Er geht dabei auf Probleme des Konditionierungsparadigmas ebenso ein wie auf Kognition, Lernen, Wahrnehmung, Neuronale Prozesse, Krankheits- und Gesundheitserleben.

Im Methodenteil entwirft er einen umfassenden Ansatz zu Systemischen Erforschung Psychologischer Prozesse.

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Interaktionsdynamik und Soziale Prozesse

Anfang der 1990er Jahre hat Günter Schiepek verschiedene Projekte zur Untersuchung sozialer Interaktionsprozesse in Hinblick auf Komplexität und Chaos initiiert. Von Anfang an war Guido Strunk von complexity-research an diesen Projekten beteiligt, hat die Auswertungs- und Visualisierungssoftware entwickelt und zahlreiche Forschungsprojekte in diesem Umfeld geleitet, durchgeführt und publiziert.

Untersuchungen zu Chaos in Gruppen, der Klientin-Psychotherapeut-Interaktion und zur Dynamik in Systemspielen sind vor diesem Hintergrund entstanden. Einige Ergebnisse sind z.B. im von Haken und Schiepek herausgegebenen Lehrbuch zur Synergetik in der Psychologie erschienen:

Strunk G., Haken H. & Schiepek G. (2006) Ordnung und Ordnungswandel in der therapeutischen Kommunikation. In: Haken H. & Schiepek G. (Hrsg.) Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten: 462-516. Göttingen: Hogrefe.

Strunk G., Lambertz M., Bräuning G., Mittelmann K., Gees C., Welter T., Küppers G., Haken H. & Schiepek G. (2006) Dynamik und Ordnungswandel beim kreativen Problemlösen in einer Arbeitsgruppe. In: Haken H. & Schiepek G. (Hrsg.) Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten: 542-553. Göttingen: Hogrefe.

    

Emotionsdynamik

In einem Selbstversuch wurden zwei Studentinnen der Psychologie gebeten emotionsrelevante Ereignisse zu protokollieren und in Hinblick auf Ärger, Angst, Freude und Trauer einzuschätzen. Jeweils wurden mehr als Tausend Datenpunkte für eine Zeitreihe erfasst und von complexity-research analysiert. Die Ergebnisse zeigen einen hochkomplexen Prozess. Es lässt sich ein Schmetterlingseffekt nachweisen, wie er für chaotische Prozesse charakteristisch ist. Zudem zeigen Analysen zur fraktalen Struktur der Daten und zu Veränderungen des Schmetterlingseffekts, dass psychische Prozesse nicht stabile Muster hervorbringen sondern zwischen Ordnungsmuster wechseln können (Phasenübergang).

 Einige Ergebnisse zu diesem Forschungsprojekt sind im von Haken und Schiepek herausgegebenen Lehrbuch zur Synergetik in der Psychologie erschienen:

Strunk G., Belker S., Nelle I., Haken H. & Schiepek G. (2006) Emotionsdynamik als „Fingerabdruck“ der Persönlichkeit. In: Haken H. & Schiepek G. (Hrsg.) Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten: 247-256. Göttingen: Hogrefe.

 

Lernprozesse als Phasenübergänge

Ein zentrales Konzept zur Beschreibung menschlichen Verhaltens ist die sog. Lerntheorie. In ihren Grundlagen beruht sie vielfach auch heute noch auf den Ideen zur klassischen und operanten Konditionierung. Diese Ansätze zerlegen einen Lernprozess in eine serielle Abfolge von Ursache und Wirkung. Feedbackprozesse werden soweit ausgeblendet, dass sich die resultierenden Prozesse als lineal-kausale Folge von äußeren und innerpsychischen Ereignissen interpretiert werden kann. Solche Prozesse sind grundsätzlich nicht komplex und auch theoretisch gesehen nicht zur Komplexität fähig.

Erst dann, wenn Feedbackprozesse als theoretische Möglichkeit der Selbstregulation mitgedacht werden ist eine komplexere Form des Verhaltens beschreibbar. Dies ist z.B. bereits in den um 1960 von Miller, Galanter und Pribram vorgestellten Plan-Konzept (TOTE-Konzept) der Fall. Aber auch Piaget hat kognitive Lernprozesse als Selbstorganisationsprozesse beschrieben.

In seiner Systemischen Psychologie untersucht Guido Strunk ausführlich die komplexen Grundlagen von Lernprozessen und stellt das Konzept des Phasenüberganges, der Veränderungsprozesse in den Naturwissenschaften beschreibt und Lernen gegenüber. Aus dieser Perspektive leiten sich zahlreiche Forschungsarbeiten ab, wie z.B. die folgenden:

Strunk, G., Rose, M., Sender, T., Wagner, W. & Liening, A. (2014) Identifikation von Phasen kognitiver Aktivierung mittels Methoden der nichtlinearen Zeitreihenanalyse, Vortrag gehalten auf: Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung, “Kognitive Aktivierung in der Ökonomischen Bildung”, Oldenburg, Deutschland, 24.-27.02.2014

Strunk, G., Rose, M., Sender, T., Wagner, W. & Liening, A. (2015) Kognitive Aktivierung als Prozess. In: Arndt, H. (Hrsg.) Kognitive Aktivierung in der Ökonomischen Bildung: 60-74. Schwalbach: Wochenschau Verlag.

Strunk, G., & Liening, A. (2011) Die Balance zwischen Stabilität und Wandel. Forschungsmodelle aus der Synergetik eröffnen neue Perspektiven auf das organisationale Lernen. Beitrag eingereicht als Fullpaper auf der DFTM-Tagung Dortmund: TU Dortmund.

Liening, A., Strunk, G., & Mittelstädt, E. (2013) Phase transitions between lower and higher level management learning in times of crisis: an experimental study based on synergetics. Nonlinear Dynamics, Psychology, and Life Sciences 17(4), 517-541.

 

Abbildung: Veränderung der Potenziallandschaft bei einem Phasenübergang

 Die Abbildung stellt in drei Schritten dar, wie sich die so genannte Potenziallandschaft bei einem Phasenübergang verändert. Die Metapher der Potenziallandschaft kennzeichnet attraktive Systemzustände als tiefe Täler und unattraktive als hohe Berge oder steile Wände. Im Attraktor (a) sind die steilen Wände und das Tal klar ausgeprägt, die Kugel, die das Systemverhalten repräsentiert, rollt nach einer Auslenkung schnell zurück in den Attraktor. Das Einzugsgebiet des Attraktors wird in der Nähe zum Bifurkationspunkt zunächst flacher (b) und geht im Bifurkationspunkt in einen Potenzialhügel (so genannter Repellor) über (c).
(Mehr dazu: Strunk, G. & Schiepek G. (2014) Therapeutisches Chaos)

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