Banner

Leben wir in einer immer komplexer werdenden Welt?

Komplexität als Modebegriff

Wenn man erst einmal darauf achtet, wann und wo in den Medien von Komplexität die Rede ist, stellt man fest, dass „Komplexität“ eines der zentralen Modeworte der letzten Jahre zu sein scheint. Gleichzeitig wird eine deutliche Zunahme der Komplexität konstatiert und daraus weitreichende Schlussfolgerungen für zahlreiche Bereiche des menschlichen Lebens abgeleitet (vgl. Strunk et al., 2022).

Trotz der zentralen Bedeutung des Komplexitätsbegriffs bleibt eine Definition – auch in wissenschaftlichen Aufsätzen – häufig nebulös oder wird gar nicht erst angeboten. Oft liest man, dass Komplexität zu komplex sei, um definiert werden zu können. Das ist natürlich unsinnig. Ein Forschungsgegenstand, den man nicht definieren kann, würde eine Komplexitätsforschung unmöglich machen. Dann gäbe es Komplexität gar nicht. Eine weitere beliebte Feststellung ist, dass Komplexität das bezeichnet, was wir derzeit noch nicht wissen können. Gerne wird dabei auf Big Data, Quantencomputer oder KI verwiesen und die Hoffnung geäußert, dass vieles, was heute als komplex gilt, morgen ganz bestimmt gelöst sein wird. Doch auch dieses Komplexitätsverständnis geht am Kern der Sache vorbei, den Komplexität ist tatsächlich eine bewiesene Grenze, eine bewiesene Lücke der Erkenntnis (vgl. z. B. Strunk, 2024)

Naive, vorwissenschaftliche Vorstellungen von Komplexität

Nicht selten kann man lesen, dass Komplexität aus der überfordernden Anzahl der Elemente eines Systems oder einer Problemstellung erwächst. Wenn man sich vor Augen führt, wie im Fußballstadion 30.000 Fans beim Siegestreffer ihrer Mannschaft alle zugleich in Jubel ausbrechen und dabei jede Individualität vermissen lassen, kommen schnell Zweifel auf, ob die Komplexität eines Systems allein von seiner Größe, also der Zahl der beteiligten Elemente, abhängt. Mitunter scheint jedenfalls auch das Gegenteil der Fall zu sein.

Ein anderes Beispiel: Alle festen Körper bestehen aus unglaublich vielen Atomen oder Molekülen. Diese Bausteine der Materie sind jedoch nicht starr und fest, sondern befinden sich in stetiger Bewegung. Diese unglaublich vielen Elemente, die sich wild bewegen, bringen das hervor, was wir als fest und konstant wahrnehmen (vgl. dazu ausführlich: Schrödinger, E., 1989/1944. "Was ist Leben? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet". München: Piper).

Leben wir in einer immer komplexer werdenden Welt?

Wer Komplexität als zu komplex empfindet, um sie definieren zu können, kann logischerweise nicht einmal wissen, was Komplexität ist. Ob sie zunimmt, kann dann aber ebenfalls nicht beurteilt werden. Tatsächlich verfügt die Komplexitätsforschung über ein präzises Begriffsverständnis und ist in der Lage, Komplexität zu messen (die Methoden sind ausführlich dargestellt in Strunk, 2019). Auch eine Zunahme von Komplexität kann daher empirisch geprüft werden. Die Frage, ob die Komplexität in der Welt insgesamt gestiegen ist, lässt sich allerdings in dieser Allgemeinheit kaum beantworten. Die Antwort fällt je nach Lebensbereich unterschiedlich aus.

Weitere Seiten zum Thema

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive stellen sich daher eine Reihe von Fragen:

Was sind die Themenstellungen der Komplexitätsforschung

Was ist Komplexität?

Was ist Chaos?

Was ist ein System?

Was ist Nichtlinearität?

Abbildung: Systemwissenschaftliche Methodologie

Eine systemwissenschaftliche Methodologie verfolgt als gemeinsames Ziel zweier unabhängiger, aber parallel geführter Forschungszugänge die Dynamik empirischer Zeitreihen (bottom-up) und künstlich im Rahmen von Computersimulationen gewonnener Zeitreihendaten (top-down) aufeinander zu beziehen und miteinander zu vergleichen.
(Mehr dazu: Strunk, G. & Schiepek G. (2014) Therapeutisches Chaos)

Quick Links

- Bücher
- Lehre
- Software
- Videos
- Home